Mehr als ein süsser Brotaufstrich

In der Schweiz gibt es knapp 20 000 registrierte Imkerinnen und Imker. Tobias Strasser ist einer von ihnen. Mit viel Leidenschaft und Hingabe widmet er sich seit acht Jahren dem Fortbestand von Bienen. Die Faszination für die emsigen Insekten entdeckte er aber schon als Jugendlicher.

Text: Güvengül Köz Brown
Fotos: Pino Covino

Der Spätsommer zeigt sich an diesem Donnerstag in seiner vollen Pracht. Die Ruetschberger Wiesen und Felder strahlen in der Sonne in einem saftigen Grün und bilden mit den Glarner Alpen im Hintergrund eine atemberauende Kulisse. Inmitten dieser malerischen Postkartenidylle, nahe des Pfäffikersees im Zürcher Oberland, steht auf einem Biobauerngut das Bienenhaus von Tobias Strasser. Es ist umringt von herrlichen Apfelbäumen, die noch ihre unreifen Früchte tragen.

Ohne Bienen kein Ökosystem

In seiner kubischen Holzhütte auf dem vom Bauern gepachteten Landstück beherbergt der Hobby-Imker Strasser derzeit acht Bienenvölker – jedes in einem eigenen Kasten. Insgesamt sind es über 30 000 Bienen, 400 Drohnen und acht Königinnen, die hier auf engstem Raum nebeneinander leben. Je nach Witterung ergibt das im Jahr bis zu zehn Kilogramm Honig pro Volk. Ein schöner Nebeneffekt, den nicht nur Strasser schätzt, sondern auch seine Abnehmerinnen und Abnehmer. Zu denen gehören neben Privatpersonen auch eine Apotheke in Uster und ein Bioladen in Bern. «Hier in Ruetschberg bezahle ich sogar meinen Pachtzins in Form von Honig», sagt er verschmitzt. Die Biene ist aber mehr als nur Lieferantin für den süssen Brotaufstrich – das weiss neben Strasser auch der Biobauer, denn ohne die fleissigen Insekten gäbe es für ihn im Herbst nichts zu ernten. Egal ob Honigbiene, Wildbiene oder Stadtbiene: Aufgrund ihrer Bestäubungsleistung sind sie für das Ökosystem und somit auch für die Landwirtschaft unentbehrlich. Dennoch war der ökologische Aspekt für den 51-Jährigen nicht die Hauptmotivation für seine acht Jahre zurückliegende Entscheidung, Imker zu werden. «Im Zentrum standen für mich die Bienen als Lebewesen. Ich wollte wissen, wie sie ticken, was sie machen und vor allem wie sie es machen», sagt er mit ruhiger Stimme, während er für das Fotoshooting seinen Imkeranzug überzieht.

«Ich bezahle sogar den Pachtzins in Form von Honig»
Tobias Strasser Imker

Liebe zur Natur

Primär gehe es ihm darum, eine Beziehung zu seinen Völkern herzustellen, betont Strasser, der in der Region noch zwei weitere Bienenhäuser betreut. Deshalb stehe für ihn auch nicht die Honigproduktion im Vordergrund, sondern das Wohlsein der Flügeltiere. «Mir ist es wichtig, dass es ihnen gut geht, dass sie genug Raum und selbstverständlich genug Futter haben – vor allem im Winter, wenn sie auf den gelagerten Honig angewiesen sind. Nur so können sie sich gesund fortpflanzen.» Wenn nicht gerade vorbeifahrende Autos die Stille der Landschaft unterbrechen, hört man, wie ein leises Summen die Luft erfüllt. Zum ersten Mal hat er diese «Musik» als Teenager bewusst wahrgenommen. «Mit meinen Eltern verbrachte ich regelmässig Ferien in den Bergen. Als 16-Jähriger durfte ich dort einem ortsansässigen Imker immer wieder bei der Arbeit helfen», erinnert er sich. Die Faszination hätte ihn schon damals gepackt. Dennoch brauchte er fast 30 Jahre, um sich endlich voll und ganz seiner Leidenschaft hinzugeben. Diesen Schritt habe er bis heute nicht bereut, auch wenn seine Freizeitbeschäftigung nicht nur zeitaufwändig, sondern auch mit vielen Pflichten verbunden ist.

Nachhaltigkeit leben

Für die Pflege der Schwärme benötigt Strasser gerade in der Hochsaison zwischen Frühling und Sommer täglich rund vier Stunden. Neben seinem Vollzeitjob bei einer Zürcher Bahngesellschaft bleibt nicht viel Zeit für andere Hobbys. Das scheint ihn aber nur bedingt zu stören, denn er liebt die Natur und alles, was sie hergibt. Und er macht auch keinen Hehl daraus: «Unter freiem Himmel, zwischen Obstbäumen, Bergen und meinen Bienen finde ich den wichtigsten Ausgleich zu meiner Arbeit in der Stadt.» Dass Strasser ein biozertifizierter Imker ist, erstaunt bei einer derart ausgeprägten Naturliebe nicht. Von der artgerechten Haltung über die Fütterung in biologischer Qualität bis hin zur Verwendung natürlicher Materialien für den Bau der Bienenstöcke – Strassers Engagement genügt in jeder Hinsicht hohen ökologischen Ansprüchen.

Der Nachhaltigkeitsgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. «Wenn nicht sogar zu Hause, verbringe ich noch heute am liebsten meine Ferien in den Schweizer Bergen, fahre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit und lege beim Kauf von Nahrungsmitteln grossen Wert auf Regionalität und Bioqualität.» Auch das Fleisch kaufe er nur beim Bauern aus der Gegend. «Ich gebe lieber ein bisschen mehr Geld aus und esse dafür einfach weniger Fleisch», beteuert er. Auch bei der Kleidung schaue er, wie und wo die Textilien produziert werden. «Da mich Mode grundsätzlich nicht besonders interessiert», gesteht er schmunzelnd, «muss ich mir in diesem Bereich keine Sorgen über ein übermässiges Konsumverhalten machen». Der anspruchsvolle und vor allem spannende Balanceakt zwischen einem Leben als Naturbursche und einer leitenden Funktion in einem technischen Beruf scheint Strasser mühelos zu gelingen. Auf die Frage, was er denn im Winter mache, wenn die Bienen seine Aufmerksam weniger benötigten, bricht er in herzhaftes Lachen aus: «Holzen mit einem Freund – Hauptsache draussen.»