Die 65-Jährige und das Meer

Unermüdlich engagiert sich Sigrid Lüber seit über 30 Jahren für den Schutz der Ozeane. Als Gründerin und Präsidentin der Umweltorganisation OceanCare geniesst sie inzwischen weltweit grosse Anerkennung. Ans Aufhören denkt die gelernte Maschinenzeichnerin deshalb noch lange nicht.

Text: Güvengül Köz Brown
Fotos: Pino Covino

Vom grauen Himmel prasselt erbarmungslos der Regen auf Wädenswil. Die Zürcher Gemeinde am linken Seeufer zeigt sich heute von der unfreundlichen Seite. Umso schmucker ist das historische Haus an der Gerbestrasse 6, in dem fast schon unbemerkt eine der renommiertesten Umweltschutzorganisationen der Welt residiert: OceanCare. Gegründet wurde sie 1989 von der heute 65-jährigen Sigrid Lüber, die uns mit einem sanften Lächeln an der Tür empfängt. «Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor Hunden?», fragt sie unverzüglich und zeigt auf ihren braun gefleckten Dalmatiner sowie auf die junge Themba, eine verspielte Rhodesian Ridgeback.

Gesagt, getan

Es waren Tiere, die sie inspiriert haben, sich aktiv für den grössten Lebensraum der Erde zu engagieren. «Als ich mit meinem Mann vor über 30 Jahren auf den Malediven war, sind bei einem Tauchgang über 50 Delfine an uns vorbeigeschwommen. Dieser Moment war für mich so magisch, dass er mir wie eine Ewigkeit vorkam», erinnert sich Lüber. «Kaum waren wir wieder an der Wasseroberfläche, habe ich meinem Mann gesagt: Das will ich künftig tun – mich für die Ozeane einsetzen.» Sie hält ihr Wort und reduziert nach ihrer Rückkehr in die Schweiz ihr Arbeitspensum auf 80 Prozent, um ihr Lebenswerk aufzubauen. «Zunächst wurde ich in meinem Umfeld für mein Engagement belächelt. Ich könne ja eh nichts ändern, hiess es oft. Ich wusste aber, dass uns im Leben nur Nichtstun nichts bringt.» Mit dieser Einstellung verbucht sie den ersten Erfolg bereits im Gründungsjahr: In Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten verhindert OceanCare den Neubau eines Delfinariums in Martigny.

«Ich wollte mir international Gehör verschaffen.»
Sigrid Lüber Gründerin und Co-Geschäftsleiterin Ocean Care

Ziel: internationales Parkett

Nur zu protestieren kam für Lüber aber nicht in Frage. Viel wichtiger war es ihr, auf der grossen Bühne etwas zu bewegen: «Ich wollte mir in internationalen Gremien Gehör verschaffen, damit Länder mittels Resolutionen verpflichtet werden, zu handeln.» Auch dieses Ziel erreicht sie im Eiltempo. Schon 1992 nimmt sie erstmals an der internationalen Walfangkonferenz teil, in der sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Länder über die Regulierung des Walfangs beraten. «Mit den damals fünf OceanCare-Mitgliedern wären solche Reisen schon aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen.» Deshalb habe sie anfangs alles aus der eigenen Tasche bezahlt. Lüber, die sich bewusst gegen Nachwuchs entschieden hat, liebt und pflegt OceanCare wie ihr eigenes Kind, denn nur so kann ein Baby gesund wachsen und gedeihen.

Die gelernte Maschinenzeichnerin bringt sich das fachliche Know-How selbst bei. «Ich bin Autodidaktin; meine grösste Fähigkeit ist es aber, dass ich ein Gespür für Themen jenseits des Mainstreams habe», sagt sie stolz. «So habe ich unter anderem sehr früh auf die Gesundheitsrisiken des Walfleischkonsums aufmerksam gemacht.» Da Wale über die Jahre in den stark verschmutzten Meeren grosse Mengen Giftstoffe wie Quecksilber in sich speichern, gelangen diese durch den Konsum automatisch in den menschlichen Körper. Einmal mehr habe man sie nicht ernst genommen, doch inzwischen sprechen die Zahlen für sich: «Alleine in Japan ist der Verzehr in den Folgejahren um zwei Drittel zurückgegangen.» Dank ihrer diplomatischen Beharrlichkeit macht sich Sigrid Lüber und damit OceanCare schnell einen Namen. 2011 hat die UNO der Organisation sogar den Sonderberater-Status zuerkannt – eine Ehre, die für eine Nichtregierungsorganisation einem Ritterschlag gleichkommt.

Bewusst aufgewachsen

«Natur und Tiere waren mir schon immer wichtig. Das bekam ich als Kind praktisch schon mit der Muttermilch eingeflösst», sagt sie augenzwinkernd und wirft einen liebevollen Blick auf ihre Vierbeiner, die mittlerweile ungeduldig nach ihrer Aufmerksamkeit buhlen. Sie streichelt sie und gibt ihnen ein Leckerli, bevor sie weiterspricht . «Ich bin mit meinen fünf Geschwistern im sanktgallischen Uzwil aufgewachsen», fährt sie fort. Früh habe sie im Elternhaus gelernt, sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umzugehen. «Foodwaste kannten wir nicht. Wenn meine Mutter Blumenkohl gekocht hatte, wurde der Sud später als Gemüsebrühe wiederverwertet. Das mache ich noch heute so – dafür brauche ich kein Restekochbuch.» Bei Nahrungsmitteln setzt sie grundsätzlich auf regionale und saisonale Produkte vom Biobauern. Nachhaltigkeit bedeutet für Lüber persönlich aber auch, auf Meeresfische und Fleisch zu verzichten, das Wasser beim Zähneputzen zuzudrehen oder einen dicken Pullover anzuziehen, statt im Winter die Wohnung permanent zu überheizen. Sie ist überzeugt, dass alle einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können – und müssen: Mensch, Politik, Wirtschaft. «Ich verstehe beispielsweise nicht, warum Softgetränke in Plastikflaschen verkauft werden. Die Entschuldigung der Hersteller, dass das die Konsumenten so wollen, ist für mich inakzeptabel.» Noch weniger Verständnis hat sie für Forschungsschiffe der Öl-Industrie, die mit dem Lärm, den sie auf hoher See produzieren, u.a. die Nahrungssuche der Meerestiere erschweren.

Während andere in ihrem Alter den wohlverdienten Ruhestand geniessen, treiben solche Themen Lüber an, sich weiterhin dezidiert für den Umweltschutz einzusetzen. «Ich habe mich zwar aus dem operativen Geschäft 2013 zurückgezogen, aber seither kümmere ich mich von Wädenswil aus um die inhaltliche und strategische Ausrichtung unserer Organisation. Und daran wird sich in den nächsten Jahren auch nichts so schnell ändern», sagt sie und lacht herzhaft.