Immer dort Zuhause, wo man etwas bewegen kann

Einem bürgerlichen Haushalt im Glarnerland entsprungen, suchte Ruedi Blumer früh den Kontakt zu urbanen Räumen. Der Zentralpräsident des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) lernte dabei, lustvoll mit Gegensätzen zu jonglieren und an den unterschiedlichsten Lebensstationen sozialökologische Anliegen einzubringen. Immer mit dem Ziel, das Land im Kleinen und Grossen nachhaltiger zu gestalten.

Text: Philipp Grünenfelder
Fotos: Pino Covino

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: hier die Faszination für das grossstädtische Treiben, dort der Einsatz für die Natur. Beides gehört zu Ruedi Blumer und von beidem berichtet er bei einem Zwischenhalt im Zürcher Hauptbahnhof voller Leidenschaft. Denn vermeintliche Gegensätze sind das Lebenselixier des Zentralpräsidenten des VCS. Seine frühen Wurzeln liegen im ländlich beschaulichen Glarus, heute lebt er mit seiner Frau im urbanen Grossraum St. Gallen. So könnte man den biografischen Bogen des 62-Jährigen knapp zusammenfassen.

Etwas gar knapp, denn zwischen diesen zwei Polen liegen Jahrzehnte mit noch mehr kontrastreichen Arbeits- und Lebensstationen: begonnen mit dem Lehrerseminar in Schaffhausen über Schultätigkeiten in Glarus und Gossau bis hin zum Sprung in die Privatwirtschaft mit verantwortungsvollen Aufgaben bei einem grossen Versicherungskonzern in Winterthur und einem Grossverteiler in der Ostschweiz. «Ich rate allen, solche Switches zu wagen und mindestens einmal im Leben in einen ganz anderen Bereich einzutauchen», meint Blumer. Lehrpersonen in ein Grossunternehmen und Manager in eine Schulklasse etwa. «Nur so erkennt man, dass man die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen hat», sagt er augenzwingern und meint es gleichzeitig ernst.

Auch der Sport sei für ihn eine willkommene Tür in andere Welten. «Im Beruf verkehrt man zu oft in den immer gleichen Kreisen. Ganz anders etwa beim Fussball oder bei Parlamentarierskirennen: Dort kommt man in Kontakt mit Andersdenkenden.» Dieser Sinn für unterschiedlichste Lebensrealitäten spielen auch in seinem aktuellen Job, den er seit eineinhalb Jahren ausfüllt, eine grosse Rolle. «Der VCS hat zwar in den Städten seine grösste Mitgliederbasis und unser Engagement viel Rückhalt, aber wir verfolgen unsere Ziele natürlich in der ganzen Schweiz», sagt er. Dazu gehöre auch, den eher kritischeren Menschen auf dem Land auf Augenhöhe zu begegnen, sie für die Anliegen zu gewinnen. «Selbst, wenn wir da und dort vor Gericht ziehen müssen, damit der Rechtsstaat nicht aus den Fugen gerät», fügt er an.

«Ich reise mehrmals wöchentlich durch das ganze Land.»
Ruedi Blumer Zentralpräsident VCS

Das verbindende Element sowohl in seiner aktuellen Aufgabe als auch über alle anderen Stationen ist die Lust, Neues anzupacken und das Bewusstsein für soziale sowie ökologische Verantwortung voranzubringen. Sei es für Lohngleichheit von Frauen und Männern in Grosskonzernen oder wie jetzt für eine nachhaltige Verkehrspolitik im ganzen Land.

«Bereits an der Kantonsschule engagierte ich mich über die Schülerorganisation für gesellschaftliche Anliegen», blickt Blumer zurück. Auch unter dem Eindruck, der Umweltbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre. «Doch so lautstark und hartnäckig wie die Klimajugend heute, agierten wir bei weitem nicht. Dafür war das Glarnerland dann doch etwas zu beschaulich», sagt er verschmitzt. Ob er die Klimastreiks der Schülerinnen und Schüler als ehemaliger Lehrer nicht mit Zwiespalt betrachte? «Gar nicht, ich unterstützte sie von Anfang an, denn sie streiken aus völlig berechtigten Gründen», antwortet er dezidiert.

Politiker mit Verliererqualitäten

Zuhause ist der Vater von drei erwachsenen Töchtern also dort, wo er etwas bewegen kann. Auch in der Politik. Seit 1996 sitzt er – zuerst für den Landesring der Unabhängigen und heute für die SP – im St. Galler Kantonsrat. Sowohl als Politiker als auch als Vertreter einer Organisation, die sich eindringlich für eine menschen- und umweltgerechte Mobilität einsetzt, macht sich Blumer aber nicht nur Freunde. Aber er könne Kritik seit jeher gut einstecken. «Ich nehme es sachlich und weiss mittlerweile, dass es für entscheidenden Schritte manchmal Geduld und mehrere Anläufe braucht.»

Bei sich selber beginnen

Zu den Verliererqualitäten fügt sich erfrischend viel Selbstkritik. Etwa, wenn er auf sein eigenes Mobilitätsverhalten angesprochen wird. «Ich konsumiere tatsächlich sehr viel Mobilität, reise mit dem Zug mehrmals wöchentlich quer durch das halbe Land», gibt er zu bedenken. Auch wenn die Eisenbahn das ökologischere Fortbewegungsmittel sei als das Auto, verursache es eben doch auch mehr Emissionen als ihm lieb seien. «Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir möglichst wieder dort wohnen, wo wir arbeiten und uns grundsätzlich Gedanken über unsere Mobilitätsgewohnheiten machen», sagt er.

Im Alltag fahre er neben der Bahn deshalb so oft wie möglich mit dem Velo oder gehe zu Fuss. «Für 80 Kilogramm Mensch rund 2,5 Tonnen Auto zu bewegen, ist schlicht Unsinn. Damit wir die Bevölkerung allerdings etwa zu mehr Velofahren motivieren können, müssen wir dafür sorgen, dass es genügend schnelle und sichere Veloverbindungen gibt – das ist leider oft weder in der Stadt noch auf dem Land der Fall.» Damit unterstreicht Blumer, dass neben Beiträgen, die jede und jeder Einzelne leisten kann, auch Behörden und Politik gefordert sind. Beim Elan und der Arbeitsfreude, die Blumer ausstrahlt, kann man sicher sein, dass er auch dafür den einen oder anderen Hebel in Bewegung setzen wird – ganz egal, wer sein Gegenüber ist.