Verändern, wo es möglich ist

Als Kind liebte sie es, stundenlang draussen zu spielen und am elterlichen Herd neue Rezepte auszuprobieren. Dieses ausgeprägte Interesse an der Natur und am Kochen hat sie sich bewahrt. Deshalb ist Annette Lefèvre heute Coach für achtsame Ernährung. Begegnung mit einer leidenschaftlichen Frau.

Text: Christine Theumann-Monnier
Fotos: Tim Loosli

Das Haus der Familie Lefèvre Hayoz in Lugnorre, am Südwesthang des Mont Vully im Kanton Freiburg, bietet eine traumhafte Aussicht auf den Murtensee. Trotz der grauen Wolken am Himmel ahnt man sofort, wie grandios das Panorama mit den Alpen im Hintergrund sein muss. Ein Ort, an dem man die Natur spürt und der – genau wie seine Bewohnerin – Ruhe und Heiterkeit ausstrahlt. Coronabedingt begrüsst uns Annette Lefèvre herzlich per Ellenbogen. «Ich habe eine Zitronentarte gebacken. Möchten Sie ein Stück?»

Ernährung als wichtigstes Anliegen

«Ich begleite Menschen, damit sie wieder ein gesundes und positives Verhältnis zur Ernährung entwickeln. Essen soll keine Angst oder Schuldgefühle hervorrufen, sondern Genuss bereiten. Das ist möglich, wenn wir unser Ernährungsverhalten besser verstehen, aufmerksam für unsere Körperempfindungen sind und uns beim Essen wirklich auf das konzentrieren, was wir essen», fasst die 53-Jährige ihre berufliche Tätigkeit zusammen.

Aber was hat diese Ökonomin, die viele Jahre in internationalen Unternehmen tätig war, zu dieser beruflichen Neuorientierung veranlasst? «Ernährung, gute Ernährung, interessiert mich seit jeher. Schon mit elf oder zwölf Jahren hat meine Mama mich allein alles  kochen lassen, was ich wollte. Ich habe mir diese Freude bewahrt, alles selbst zuzubereiten und mit neuen Geschmacksrichtungen und -empfindungen zu experimentieren.

Mit der Geburt meiner Töchter ist dieses Interesse an der Ernährung noch einmal gewachsen, denn es lag mir am Herzen, sie gesund zu ernähren. In Gesprächen ist mir ausserdem klar geworden, dass das Thema Essen nicht für alle Freude und Genuss bedeutet, sondern dass es sehr oft auch mit Leid, Stress und schlechtem Gewissen verbunden ist. Ich wollte gerne eine Lösung finden, die wieder Genuss ermöglicht und eine dauerhafte Veränderung ausserhalb herkömmlicher Diäten bewirkt.»

Gesagt, getan! Nach langen Recherchen stiess Annette Lefèvre auf die Ausbildung, die ihr zusagte. Der Ansatz hier war Achtsamkeit beim Essen. Sie meldete sich sofort an. Heute, vier Jahre später, mag sie das, was sie tut, noch genauso. «Ich bin eine leidenschaftliche Frau. Ich muss zu 100 Prozent überzeugt sein von dem, was ich tue, und das ist bei meiner Tätigkeit der Fall. Ausserdem liebe ich es, zu Veränderungen oder Verbesserungen beizutragen, wenn die Möglichkeit besteht. Daher bin ich überglücklich!»

«Unser Körper ist unser Haus, so wie die Natur unser Lebensraum ist. Wir müssen deshalb auf ihn achten.»
Annette Lefèvre Mindfulness-Coach

Respekt vor der Natur und ihren Erzeugnissen

In ihrem Alltag bemüht sich Annette Lefèvre, Bewegung in festgefahrene Strukturen zu bringen. Seit mehreren Jahren kauft sie bei lokalen Bauern Produkte mit Bio- oder IP-SUISSE-Zertifizierung. Ihre Familie isst zudem fast kein Fleisch mehr und ist darauf bedacht, Verantwortung für die Natur zu übernehmen.

«Mein Mann und ich haben immer darauf geachtet, übermässigen Konsum und hohe Umweltbelastungen im Rahmen des Möglichen zu vermeiden. Aber die Debatte um die Nachhaltigkeit ist durch die 16 und 22 Jahre alten Töchter intensiver geworden. Sie gehören zu dieser jungen Generation, die sehr sensibel für Umweltfragen ist. Sie haben uns dazu gebracht, weiter nachzudenken.»

Deshalb deckt sich Annette Lefèvre vermehrt in Unverpackt- Läden ein, kauft eher wenig Kleidung und weitestgehend schweizerische und europäische Erzeugnisse, achtet darüber hinaus auf Fair Trade, minimiert industrielle Reinigungsmittel und stellt Kosmetikprodukte selbst her. «Wir sind ganz sicher keine perfekten Vorbilder für Nachhaltigkeit, aber wir bemühen uns. Es liegt uns am Herzen, in unserem täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die ökologisch sinnvoll sind.»

Annette versteht ihre berufliche Tätigkeit als Fortsetzung dieser Bewegung hin zur Nachhaltigkeit. «Unser Körper ist unser Haus, so wie die Natur unser Lebensraum ist. Wir müssen deshalb auf ihn achten und ihm das Beste geben. Das ist eine Frage der Gesundheit, aber auch der Verantwortung gegenüber sich selbst.» Sich bewusst zu sein, was man isst, bedeutet auch, sich den Weg eines Lebensmittels bis zu unserem Mund, seine gesamte Produktionskette, vorzustellen. «Wenn man die ganze Arbeit und die erforderlichen Schritte sieht, kann man nur Respekt und Anerkennung für den Erzeuger und sein Produkt empfinden», sagt sie.

Schon im jungen Alter sensibilisiert

Dieser Respekt und dieses Interesse an der Natur und ihren Erzeugnissen reichen weit zurück. Schon als kleines Kind verbrachte Annette Lefèvre ihre Nachmittage im Freien, im Wald oder an Bachufern. «Ich liebte es, die Natur zu beobachten und mich an den kleinsten Dingen zu erfreuen, die sie zu bieten hat. Mein Vater nahm meinen Bruder und mich ausserdem oft auf Spaziergänge mit und erklärte uns vieles von dem, was wir sahen.»

Bei ihren Eltern, die den Krieg erlebt hatten, lernte das kleine Mädchen, wie wertvoll Nahrung ist und dass nichts verschwendet werden darf. Ob Spargelschalen oder Kohlrabiblätter, nichts wurde weggeworfen.

Eine weitere Person prägte Annette Lefèvre: eine Frau aus ihrem Dorf, die sich mit der Natur und ihren Erzeugnissen und insbesondere den Heilpflanzen sehr gut auskannte. Mit zehn Jahren vergass Annette nichts von dem, was ihr diese Frau bei jeder Begegnung an Wissen vermittelte. Heute ist die Saat aufgegangen und das nun erwachsene kleine Mädchen hat nichts von seinen Wurzeln verloren.